Blue Mazda | Rainer Merkel | Eine kleine kalifornische Seele

Eine kleine kalifornische Seele


Blue Mazda | © John Burgan
Blue Mazda | © John Burgan

Los Angeles ohne Auto – unvorstellbar.

Unter den Fellows der Villa Aurora ist es üblich, das Auto von Generation zu Generation weiterzugeben. Irgendjemand schaffte Anfang der 2000er einen blauen Mazda an, der trotz enormer Mängel einige Jahre überlebte und „so wie Autos eben ein Teil von dir werden in Los Angeles“ (Sadr Haghighian), erinnern sich einige der Künstler und Künstlerinnen an den blauen Madza als treuen Begleiter mit Katastrophenpotential. In den kommenden Tagen posten wir Erinnerungsstücke sechs ehemaliger Villa Fellows.

Den Anfang macht der Schriftsteller Rainer Merkel, der von April bis Juni 2003 Villa Fellow war. In seinem Text erinnert er sich seiner kalifornischen Seele.

von Rainer Merkel

1.
Kurz vor dem San Fernando Valley staut sich der Verkehr. Die Rücklichter leuchten auf. Auf dem 405 ist eine Versammlung, eine Party, einige versuchen noch auszuscheren, andere ergehen sich in stiller Ergebenheit und warten darauf, dass sie aufgenommen werden. Nach einer Weile geht ein Ruck durch die Wartenden, das warnend aufleuchtende Rot schwillt ab und alles verwandelt sich wieder in den breiten alles mit sich reißenden Strom.

Der blaue Mazda, in dem die ganze Zeit Talk Radio läuft, verharrt kurz in einem Moment des Zögerns, irgendwie hakt kurzfristig der erste Gang, dann geht es weiter.

Man muss den 405 verlassen, immer und jederzeit, ihm zu vertrauen, ist ein Unglück. Der 405 ist eine sechsspurige zähflüssige sich fortwährend erbrechende und sich gleichzeitig wieder vollstopfende Riesenschlange, die selbst vom Flugzeug nicht anders aussieht als ein fettes öliges Tier, das langsame, aber gefährliche Bewegungen macht.

2.
Manchmal muss der Wagen abgestellt werden, der überalterte aber erstaunlich zuverlässige Motor muss ruhen. Auch wenn der Wagen kaum noch etwas wert ist, nehmen die Parkuhren darauf keine Rücksicht.

Einige von ihnen, vielleicht vor Geschäften, die besonders originell sein wollen, sind mit kleinen weißgestrichenen Gartenzäunen und Blumenbeeten versehen. Man muss sofort daran denken, was in der Zeit passiert, in der die Parkuhr die Zeit zählt, die man bezahlt hat. Was für ein Blühen und Gedeihen, was für ein Wachsen und Wuchern. Die Parkuhren erstrecken sich in der Horizontalen und Vertikalen, bilden aneinandergereihte bezahlbare Räume und Zeitabschnitte. Sie sind kleine käufliche Zeitmanager, die geduldig an den Straßenrändern auf Kundschaft warten. Froh darüber dass man sie hat, weiss man doch nie, ob sie einen nicht übervorteilen oder vielleicht sogar auszutricksen oder zu betrügen versuchen, wie das Manager eben so tun. Auch Verrat kommt in Frage.

Das Verhältnis zum blauen Mazda ist dagegen von großer Demut und Bescheidenheit geprägt. An der Ampel auf dem Sunset Boulevard neben den wuchtigen SUVs, den schwarzen und silbernen Luxuslimousinen erstrahlt er in seiner gutmütigen Schlichtheit. Man ist froh, dass der Wagen so gut funktioniert und dass man ganz einfach die Sonnenblende herunterklappen kann.

Das Licht ist auch am hundertsten Tag noch immer das Licht eines sich über die Stadt beugenden Chirurgen, der mit leichter Hand Eingriffe vornimmt, während seine an der Stirnkappe befestigte Lampe keinen Winkel auslässt und auch die Seele mit einem Schwung eisigen Lichtes ausfüllt.

3.
Einmal gibt es doch Probleme. Aber es ist wirklich das einzige Mal. Es ist kurz vor Sonnenuntergang im Sears Autocenter. Es ist irgendetwas mit der Lichtmaschine oder Batterie.

Man kann vorfahren und jemand beugt sich über den Motorblock und prüft das Innenleben der Batterie. Im Grunde könnte man sitzen bleiben, so wie das der Fahrer am Ende der Warteschlange auch tut, während er den Motor weiter laufen lässt. Die mexikanischen Sears-Mitarbeiter heben die Batterie wie ein Heiligtum aus dem Wagen und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann noch einmal das Licht ausgeht, ist nur eine geringfügig glühende Gefahr am Horizont.

Der Wagen eignet sich auch als Schlafstätte, einmal fahre ich mit ihm in die Wüste zu einer “Kunst-Party”, in der Nähe von Twentynine Palms. Ich bleibe die ganze Nacht und schlafe im Wagen, weil ich Nachts meine Geldbörse verloren habe und hoffe, sie am nächsten Tag doch noch im Wüstensand wieder zu finden.

Wenn man lange nach etwas sucht, etwas, das zu spezifisch ist, etwas das im Raum auf die Schnelle nicht lokalisierbar ist, kann man in eine Endlosschleife geraten und dann ist es am besten, man lässt einfach alles laufen. Ich fahre zurück nach LA und der Staub der Wüste legt sich auf den Innenraum des Wagens, ich treibe in eine dieser seichten, dicht bewaldeten Buchten hinein, in denen sich 7 Eleven, Kinko, Chinesefastfood, Print-, Copy- und Nail-Studios aneinander schmiegen. Es gibt drei beherrschende Strukturen. Die Tordurchfahrten der Tankstellen, die Buchten der Stripmalls, die Höhlen der Shoppingmalls und die Burgen, Schlösser und Villen der Ketten und Restaurants, die von großen schwarzen asphaltenen Liegeflächen umgeben sind.

Am nächsten Tag ruft einer der Künstlerinnen aus der Wüste an. Die Geldbörse ist gefunden worden.

4.
An einem der letzten Tage, die ich mit dem Mazda unterwegs bin, fahre ich zur Huntington Library und schaue mir im japanischen Garten die Viewing Stones an.

Die Viewing Stones sind leicht wurmartige, tierschnauzenartige Gebilde, die auf steinernen Stelen in schwarzen ovalen Schalen ruhen. Sie sehen natürlich nichts, sie sind von einer geradezu himmelschreiender Blindheit, mit ihren sanft geschliffenen Kanten, Mulden und angedeuteten Löchern. Aber wenn man sie berührt, tauchen auf einmal all diese Landschaften auf, die in ihnen verborgen sind, und die grausige Hitze des nachmittäglich gestauten Pasadena Freeways wird zu einer großen besänftigenden Meditation.

In meiner Erinnerung verwandelt sich der blaue Mazda, der kaum noch existieren dürfte, in einen dieser Steine. Er ist meine kleine kalifornische Seele, die ich verloren habe, aber jederzeit in diesem Garten wiederfinden kann. Es ist wie ein Kind, ein fragiles Lebewesen, an das man immer nur Erinnerungen hat, süße flüchtige Erinnerungen, die schnell wieder vergehen.

Rainer Merkel | CC BY-SA 3.0 manfred.sause@volloeko.de
Rainer Merkel | CC BY-SA 3.0 manfred.sause@volloeko.de

Rainer Merkel, geb. 1964 in Köln, Schriftsteller, April-Juni 2003 in der Villa Aurora