Florian Werner|Die Kristallkathedrale

Die Kristallkathedrale


In-Car Worship Center. | Quelle: www.davestravelcorner.com

Der Berliner Schriftsteller Florian Werner war 2007 für einige Monate in Los Angeles. Die Crystal Cathedral – die erste Drive-Thru-Kathedrale der Welt – ist ihm in ganz besonderer Erinnerung geblieben.

von Florian Werner

Tief im Südosten von Los Angeles, wo sich der Freeway Nummer 5 in Richtung mexikanischer Grenze fräst: Das künstliche Matterhorn von Disneyland erhebt sich links des Freeways, kann aber dem Gebäude gegenüber nicht annähernd das Gletscherwasser reichen. Komplett mit verspiegeltem Glas verkleidet, erhebt sich die Crystal Cathedral majestätisch funkelnd über der Skyline von Orange County.

Erbaut wurde sie 1980 von Pastor Robert Schuller, der früh erkannte, dass Angelenos zwar gern zur Kirche gehen, aber nur ungern ihr Auto verlassen, und daher hier die erste Drive-In-Kathedrale der Welt eröffnete. Wer will, parkt einfach auf einem der mit „In-Car Worship Center“ markierten Plätze und kann von dort aus bequem der so genannten „Hour of Power“ über Lautsprecher lauschen. „Come as you are in your family car“, lautet der Slogan, den Schuller dazu erdichtete, und er musste nicht lange bitten: Bereits eine seiner allerersten Hours of Power (abgehalten unter einem Glockenturm namens „Tower of Power“ – der Pastor weiß einen guten Reim zu schätzen) verursachte einen Verkehrsstau auf dem I-5.

Doch auch wer sein Fahrzeug verlässt und die letzten fünfzig Meter in die Kathedrale zu Fuß zurücklegt, muss während des Gottesdienstes nicht ganz auf sein Auto verzichten: Zu Beginn singt ein fünfzigköpfiger Chor, elektronisch verstärkt und von Orchester und Rockband begleitet, eine Muzak-Version von „Freude schöner Götterfunken“. Auf einem Jumbotron-Videomonitor erscheint wie beim Karaoke der dazugehörigen Text. Hinter der Kanzel springen fünf riesige Wasserfontänen in die Höhe – und dann fahren die gigantischen Kathedralenwände beiseite und geben den Blick auf den Parkplatz frei. Sei es, dass die Verstärkeranlage mächtiger wummert als bei einem Black Sabbath-Konzert, sei es, dass die Sonne, die plötzlich ungefiltert ins Kathedraleninnere fällt, so blendet: Der Effekt ist überwältigend. Und als mir meine circa hundert Jahre alte Sitznachbarin auf Geheiß des Pastors hin eröffnet, dass Gott mich liebt und sie mich auch, behaupte ich ohne zu zögern dasselbe: God loves you, and so do I.

Erweckt, gestärkt, beseelt von so viel Licht, Luft und Liebe nehme ich gerne hin, dass der Pastor in seiner darauffolgenden Predigt dazu neigt, sich in rätselhaften Gleichnissen zu ergehen. Das erste: Wir Menschen sind wie Schwimmer, die nach Hawaii kraulen. Manche von uns machen nach ein paar Metern schlapp, andere erst nach hundert Yards. Seine, also des Pastors Frau kommt sogar viele, viele Meilen weit, weil sie eine hervorragende Schwimmerin ist, doch auch sie schafft es nicht bis nach Hawaii. Aber egal: Wann immer wir nicht mehr können, kommt Jesus und bringt uns mit seinem Rettungsboot nach Honolulu. Das zweite Gleichnis: Wir Menschen sind wie Hunde, die zum ersten Mal in die Praxis unseres Herrchens kommen (Herrchen ist Arzt, muss man wissen). Wir haben keine Ahnung, was sich hinter der Tür zum Untersuchungszimmer verbirgt. Doch wir wissen, dass Herrchen dort auf uns wartet, denn wir können ihn riechen. Wir wedeln mit dem Schwanz und freuen uns darauf, ihn zu sehen. Das Herrchen ist natürlich Gott. Die Praxis ist das Leben nach dem Tod.

Florian WernerFlorian Werner, geb. 1971 in Berlin, Schriftsteller, von Juli-Sept. 2007 in der Villa Aurora

 

Matl Findel | People I met on my 40th birthday

People I met on my 40th birthday


People I met on my 40th birthday © Matl Findel

Im Frühjahr 2001 hielt sich der Filmemacher Matl Findel in der Villa Aurora auf. An seinem 40. Geburtstag machte er sich selbst ein Geschenk.

von Matl Findel

Bei meinem Aufenthalt 2001 sind mir die Obdachlosen aufgefallen, die einen eigenständigen und respektablen Eindruck auf mich gemacht haben. Ich wollte sie gern fotografieren, als Freimeilen-Helden. Der Vorgang sollte aber nichts mit Geld zu tun haben. Zum Glück ist mir eingefallen, dass ja mein 40. Geburtstag ansteht und ich sie an diesem Tag um ein Geschenk bitten könnte, nämlich ein Foto von ihnen, das ich gleich aufnehme.

Am 14. März zog ich in aller Frühe los. Und weil es von Anfang an so gut geklappt hat und nie einer gezweifelt oder sich meinen Ausweis hat zeigen lassen, habe ich überhaupt jeden angesprochen, dem ich an diesem Tag begegnet bin.

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Matl FindelMatl Findel, geb. 1961 im Allgäu, Filmemacher, von Jan.-März 2001 in der Villa

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Via Lewandowsky | Anreise

ANREISE


© Via Lewandowsky
© Via Lewandowsky

Der bildende Künstler Via Lewandowsky hielt sich von Januar bis März 2009 in der Villa Aurora in Los Angeles auf. Vias Text zeichnet den Weg vom Flughafen bis zur Terrasse der Villa nach und ist die perfekte Einstimmung für alle, die nicht glauben, dass man in LA ein Auto braucht.

von Via Lewandowsky

Berlin und Los Angeles sind Partnerstädte. Bei der Ankunft auf dem LAX spürt man das. Das Flughafen-Tegel-(TXL)-Gefühl kommt nicht nur nur wegen des X im Kürzel auf, sondern auch wegen der ringförmig angeordneten Flugsteige und den Parkhäusern in der Mitte.

Doch nach wenigen Sekunden ist dieser letzte Hauch Heimat abgefallen. Partnerstadt hin oder her. Hier geht es um Dimensionen, die auch ein Berlin, das einst auf dem Reissbrett alles Bisherige und zukünftige in den Schatten stellen sollte, zum Mauerblümchen macht. Man hat es ja schon geahnt. Beim Anflug wollten die Rechenkästchen des Straßenrasters einfach nicht abreißen. Eine zusätzliche Warteschleife hob dann noch den Unterschied zwischen Häusermeer und Wellenmeer ganz auf.

Am Boden, wenn man mal die Zeit zwischen „Touch down“ und dem Verlassen der Ankunftshalle ausspart, die den fremdländischen Gast kurzeitig zu einem kriminellen Bittsteller macht, sieht auf den ersten Blick alles recht beschaulich und einladend aus. Palmen und eine milde Brise vom Meer vermitteln Urlaubsstimmung. Auch die Vielzahl der Hinweisschilder zu diversen Mietwagenagenturen anstatt zu S-, U- oder Fernbahn könnten einem so in jeder Urlaubsdestination begrüßen. Nur ist das hier keine kanarische Insel, sondern eine Stadt.

Die Schilder machen klar: im Sonnenstaat kann man sich nur entspannen, wenn man einen Führerschein hat. Wer mit den Öffentlichen fährt, ist der Idiot. Für Fahrradfahrer gibt es in dieser Kategorie gar keine Ausdrücke mehr. Wie Grubenloren werden die Neuankömmlinge von in kurzen Abständen vorfahrenden Kleinbussen eingesammelt und über verschlungene Wege auf die fußballfeldgroßen Parkplätze der Mietwagenagenturen gekarrt. Die Übersichtlichkeit im Vergleich zur letzten Ankunft vor 12 Jahren scheint sich verschlechtert zu haben. Ein Narr, der jetzt nicht schon sein Auto von der Heimat aus gebucht hat.

Trotz bereits bezahlter Komplett-Tarife scheint die Rechnung wieder ganz offen zu sein. Aus dem Urlaub in exotischen Ländern kennt man auch das. Im Nebennierenmark tut sich was, Adrinalin wurde angefragt. Wer stark bleibt und seine Erfahrungen auf diversen Basaren dieser Welt gesammelt hat, wird auch hier mit einem Herzklopfen und ohne Post-Welcome-Trauma davon kommen. Das Ziel ist nah, aber die letzte Etappe ist die mit dem ungewissesten Ausgang.
 Auf dem Weg zur Villa Aurora werden dann auch gleich Erinnerungen an eine Mathematikstunde zur drückenden Mittagszeit geweckt, Müdigkeit wie nach dem Sportunterricht legt sich schwer auf die überforderten Augen.

Rechnen musste man schon bei der Autovermietung, aber nun kommt es zur Beweisführung. Highwaynummern, Exitnummern verwirren beim Spurhalten. Man fühlt sich allein gelassen, Klausurstimmung. Die Größe der Stadt deutet gelassen ihre objektive Kombinationsvielfalt an. Ein falscher Turn und schon ist man raus, die Rechenkästchen zeigen ihre unbarmherzige Symmetrie, die orientierungslos macht. Einmal verloren im Ornament städteplanerischer Achsen, die zart wie Mikado-Stäbchen dahin geworfen scheinen, gerät jeder Zeitplan zur Farce. Die endlosen Stunden im Flugzeug wachsen sich aus wie die Zinsen eines Horrorkredits, die Reisezeit bekommt einen satten Aufschlag.

Die Ankunft verspätet sich. Die Villa Aurora hat Zeit. Endlich steht man auf der Terrasse des leicht bollwerkartigen Hauses. Man fühlt sich sicher, gut aufgehoben blickt man vom Burghof in die Tiefe der weiten Bucht. Gnädig wird man mit einem Sonnenuntergang beschenkt, der um diese Jahreszeit Mitte Januar selbst hartgesottenen Gelegenheits-Angelenos eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

via_lewandowsky_portraitVia Lewandowsky, geb. 1963 in Dresden, Bildender Künstler, von Jan.-März 2009 in der Villa

 

Mapping LA

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Los Angeles Basin | Foto: JPL Landsat

MAPPING LA

Das Blog MAPPING LA wird die Ausstellung CHECKPOINT CALIFORNIA mit Erfahrungen unserer Stipendiaten begleiten.

Großer Dank gebührt Zaia Alexander und Friedel Schmoranzer-Johnson für die Sammlung der Beiträge.