Gerhard Falkner | L.A. Final Cut III

L.A. Final Cut III


Interstate 10 to San Bernadino | © Mirko Lux
Interstate 10 to San Bernadino | © Mirko Lux

Bret Easton Ellis’ Satz „People are afraid to merge in a freeway“ aus LESS THAN ZERO leuchtete Gerhard Falkner unmittelbar ein. Falkner war im vergangenen Jahr Fellow der Villa und empfand das Einfädeln und Spurwechseln als ordnendes Moment der Megacity.

von Gerhard Falkner

Keine Stadt der Welt haben die Highways und die Freeways so im Griff wie Los Angeles. Sie sind die Reben und Ranken, an denen die zahllosen Trauben der Städte, Stadtteile und Suburbs hängen, die in dieser Megametropole zusammengewachsen sind.

Man findet kaum Worte für die monströsen Wicklungen und Verschlingungen, für die kolossalen Därme, die den Verkehr verdauen, für die Peristaltik der Straßenführung, den ondulierten Asphalt und das lautlose Panorama dieser unaufhörlichen Stadt. Es ist ein Power Plant, ein Neuro-Kraftwerk, verkabelt durch die Freeways, sensationell unspektakulär in ihrem Funktionieren, nur verletzbar durch den Stromausfall und die Wasserknappheit. Vollkommen einleuchtend hat Bret Easton Ellis den Satz: „People are afraid to merge in a freeway“ zum Schlüsselsatz seines kleinen Romans „Unter Null“ gemacht. Das Einfädeln und Spur wechseln ordnet den Lebensablauf.

Der Verkehr rauscht wie die geschmeidige Musik einer nie eintretenden, aber ununterbrochen erwarteten Katastrophe, die Verkehrsinstrumente schimmern und die Karosserien kochen in der Sonne, während in ihrem Innern die Molltöne der Aircondition die Verkehrsteilnehmer bis zum Frösteln herunterkühlen. Es ist die unerhörte Dialektik, die diese Stadt unfassbar macht, alles, was sich darüber sagen lässt, ist richtig und falsch zugleich.

Alles ist, wie die Blutsverwandtschaft von Lust und Schmerz, gegensätzlich verschmolzen. Nur wenn es gelänge, das eigene Leben mit seinem Ende zu beginnen und unter Zuwachs seiner Sinne jünger zu werden mit der Aussicht in irgendeinen Schoß zurückzukehren gäbe es vielleicht eine neue Perspektive, da der Blick zunehmend seiner Gewöhnung beraubt würde.

80d4c-gerhard_falknerGerhard Falkner ist Dramatiker, Essayist und literarischer Übersetzer. Er war von Juli bis September 2014 Stipendiat der Villa Aurora.