Gerhard Falkner | L.A. Final Cut II

L.A. Final Cut II


Joshua Tree Park © Mirko Lux
Joshua Tree Park © Mirko Lux

Der Autor Gerhard Falkner hatte im Sommer des vergangenen Jahre zusammen mit Nora Matocza ein Stipendium in der Villa Aurora und hätte LA gerne aus den Angeln gehoben. Weshalb das nicht gelingen kann, schildert er in dieser zweiten Miniatur.

von Gerhard Falkner

Es gibt in Los Angeles keinen archimedischen Punkt, an dem diese unergründliche Stadt sich aus den Angeln heben ließe. Obwohl unergründlich zu geheimnisvoll klingt. Eher im nüchternsten Sinne unfassbar. Auch wenn die Stadt einfach nur die Summe ihrer Teile sein sollte, liefert der Teil keinen brauchbaren Hinweis auf das Ganze und aus dem Ganzen lassen sich ihre Teile nicht zwingend ableiten. Man könnte sicher einfach sagen, die Stadt ist äußerst komplex, aber Istanbul ist als Stadt ebenfalls äußerst komplex, nur besitzt Istanbul zum Beispiel eine ganze Reihe archimedischer Punkte. Istanbul, natürlich auf den Schultern von Konstantinopel, ist ein vom Menschen geschaffenes Kunstwerk, wo alles seinen triftigen Grund besitzt. Istanbul, eine alte, aber auch eine sehr moderne Stadt, wird geplant, geformt und gesteuert von Menschen. Jeder hat daran Teil und das ist einer der entscheidenden Gründe, warum das Leben dort so impulsiv in Erscheinung tritt. Los Angeles besitzt an keiner Stelle etwas dahinter Steckendes oder zu Grunde Liegendes. Die gesamte Konstruktion ist rein positivistisch. Etwas ist entweder da oder nicht da. Die Stadt erlaubt sich keine metaphysischen Abenteuer. Die Bürger besitzen einen unterschiedlichen Wirkungsgrad, den sich die Stadt zunutze macht in einem stetigen Ablauf oder Prozess der Autopoiesis. Hinter keiner Sache steckt ein Geheimnis. Sobald ein Mensch durch seine Haustüre verschwunden ist, kehren die Gehäuse in ihren zu Tode erschrockenen Zustand zurück. Standby total. Die unvergleichliche Schönheit von Los Angeles ist ein Kompromiss zwischen der Natur und dem Reichtum. Sie funktioniert wie ein Standfoto. Wie ein angehaltener Film. Sie lässt sich nicht einmal als Erinnerung transportieren. Und selbst, wenn es uns gelänge, für L.A. einen Grund zu finden, was wäre damit gewonnen?

80d4c-gerhard_falknerGerhard Falkner ist Dramatiker, Essayist und literarischer Übersetzer. Er war von Juli bis September 2014 Stipendiat der Villa Aurora.