Gerhard Falkner | L.A. Final Cut I

L.A. Final Cut I


LA River © Mirko Lux
LA River © Mirko Lux

Der Lyriker Gerhard Falkner hatte im Sommer 2014 zusammen mit Nora Matocza ein Doppelstipendium in der Villa Aurora. Seine Erinnerungen hat er in drei Miniaturen gepackt. Hier ist die erste:

von Gerhard Falkner

Für Los Angeles benötigt man keinen Stadtplan, sondern ein Drehbuch. Der Stadtplan führt unweigerlich in die Irre, denn er steht für eine dem Stadtplan innewohnende veraltete Konstruktion und zeigt nur das, was die Straßen am Ende mit Sicherheit nicht sind. Auf Google Maps kann man diese so weit heranzoomen, dass man am Schluss mit Sicherheit weiß, dass man nicht in L.A. ist. Los Angeles ist eine fiktive Stadt mit einer fotoartigen Auflösung in Bildpunkte, neben deren Punktdichte die Farbtiefe entscheidend ist. Die Stadt ist vollkommen unbewohnt. Sie hat keine Einwohner, sondern Darsteller, die da nicht wohnen, sondern mitspielen. Um L.A. zu erfahren, bedarf es einer Dramaturgie, einer technischen Vorlage, die während der Erfahrung als Text erarbeitet wird. Eine Seite Text ergibt eine Minute Film. Für Los Angeles eine gute Synopse gefunden zu haben oder sie gerade zu entwickeln ist die Voraussetzung dafür, in ihr eine Rolle zu spielen.

Um eine Spritztour auf dem Santa Monica Blvd oder dem eleganten Wilshire zu machen genügt auch eine Log Line von drei Zeilen. Die vom Wilshire Blvd abgehende 3rd Street, heute eine noch vor fünfzehn Jahren in L.A. unvorstellbare Fußgängerzone, vor der man sogar die Metallkappen der Edelstahlsperrpfosten gegen die Autos poliert, kennt der Stadtplan nicht oder nur als unverantwortliche Gerade. Das Drehbuch aber schreibt vor, dass sie als Luxuszone beginnt und nach der Rose Avenue nichts mehr mit sich zu tun hat, oder sich zu einem Drama entwickelt hat. Ab da dient sie als Asphaltbett für die Obdachlosen und Bühne für die Tourettler.
Mit der Kinokarte im Grauman’s Egyptian Theatre zu George Clooneys „Männer die auf Ziegen starren (The Men Who Stare at Goats) erfährt man dann den Plot. Jedenfalls irgendeinen. Die Retrospektiven der Fernwahrnehmung und der Unsichtbarkeit.

80d4c-gerhard_falknerGerhard Falkner ist Dramatiker, Essayist und literarischer Übersetzer. Er war von Juli bis September 2014 Stipendiat der Villa Aurora.