Via Lewandowsky | Anreise

ANREISE


© Via Lewandowsky
© Via Lewandowsky

Der bildende Künstler Via Lewandowsky hielt sich von Januar bis März 2009 in der Villa Aurora in Los Angeles auf. Vias Text zeichnet den Weg vom Flughafen bis zur Terrasse der Villa nach und ist die perfekte Einstimmung für alle, die nicht glauben, dass man in LA ein Auto braucht.

von Via Lewandowsky

Berlin und Los Angeles sind Partnerstädte. Bei der Ankunft auf dem LAX spürt man das. Das Flughafen-Tegel-(TXL)-Gefühl kommt nicht nur nur wegen des X im Kürzel auf, sondern auch wegen der ringförmig angeordneten Flugsteige und den Parkhäusern in der Mitte.

Doch nach wenigen Sekunden ist dieser letzte Hauch Heimat abgefallen. Partnerstadt hin oder her. Hier geht es um Dimensionen, die auch ein Berlin, das einst auf dem Reissbrett alles Bisherige und zukünftige in den Schatten stellen sollte, zum Mauerblümchen macht. Man hat es ja schon geahnt. Beim Anflug wollten die Rechenkästchen des Straßenrasters einfach nicht abreißen. Eine zusätzliche Warteschleife hob dann noch den Unterschied zwischen Häusermeer und Wellenmeer ganz auf.

Am Boden, wenn man mal die Zeit zwischen „Touch down“ und dem Verlassen der Ankunftshalle ausspart, die den fremdländischen Gast kurzeitig zu einem kriminellen Bittsteller macht, sieht auf den ersten Blick alles recht beschaulich und einladend aus. Palmen und eine milde Brise vom Meer vermitteln Urlaubsstimmung. Auch die Vielzahl der Hinweisschilder zu diversen Mietwagenagenturen anstatt zu S-, U- oder Fernbahn könnten einem so in jeder Urlaubsdestination begrüßen. Nur ist das hier keine kanarische Insel, sondern eine Stadt.

Die Schilder machen klar: im Sonnenstaat kann man sich nur entspannen, wenn man einen Führerschein hat. Wer mit den Öffentlichen fährt, ist der Idiot. Für Fahrradfahrer gibt es in dieser Kategorie gar keine Ausdrücke mehr. Wie Grubenloren werden die Neuankömmlinge von in kurzen Abständen vorfahrenden Kleinbussen eingesammelt und über verschlungene Wege auf die fußballfeldgroßen Parkplätze der Mietwagenagenturen gekarrt. Die Übersichtlichkeit im Vergleich zur letzten Ankunft vor 12 Jahren scheint sich verschlechtert zu haben. Ein Narr, der jetzt nicht schon sein Auto von der Heimat aus gebucht hat.

Trotz bereits bezahlter Komplett-Tarife scheint die Rechnung wieder ganz offen zu sein. Aus dem Urlaub in exotischen Ländern kennt man auch das. Im Nebennierenmark tut sich was, Adrinalin wurde angefragt. Wer stark bleibt und seine Erfahrungen auf diversen Basaren dieser Welt gesammelt hat, wird auch hier mit einem Herzklopfen und ohne Post-Welcome-Trauma davon kommen. Das Ziel ist nah, aber die letzte Etappe ist die mit dem ungewissesten Ausgang.
 Auf dem Weg zur Villa Aurora werden dann auch gleich Erinnerungen an eine Mathematikstunde zur drückenden Mittagszeit geweckt, Müdigkeit wie nach dem Sportunterricht legt sich schwer auf die überforderten Augen.

Rechnen musste man schon bei der Autovermietung, aber nun kommt es zur Beweisführung. Highwaynummern, Exitnummern verwirren beim Spurhalten. Man fühlt sich allein gelassen, Klausurstimmung. Die Größe der Stadt deutet gelassen ihre objektive Kombinationsvielfalt an. Ein falscher Turn und schon ist man raus, die Rechenkästchen zeigen ihre unbarmherzige Symmetrie, die orientierungslos macht. Einmal verloren im Ornament städteplanerischer Achsen, die zart wie Mikado-Stäbchen dahin geworfen scheinen, gerät jeder Zeitplan zur Farce. Die endlosen Stunden im Flugzeug wachsen sich aus wie die Zinsen eines Horrorkredits, die Reisezeit bekommt einen satten Aufschlag.

Die Ankunft verspätet sich. Die Villa Aurora hat Zeit. Endlich steht man auf der Terrasse des leicht bollwerkartigen Hauses. Man fühlt sich sicher, gut aufgehoben blickt man vom Burghof in die Tiefe der weiten Bucht. Gnädig wird man mit einem Sonnenuntergang beschenkt, der um diese Jahreszeit Mitte Januar selbst hartgesottenen Gelegenheits-Angelenos eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

via_lewandowsky_portraitVia Lewandowsky, geb. 1963 in Dresden, Bildender Künstler, von Jan.-März 2009 in der Villa