Blue Mazda | Tobias Hülswitt | Carpooling

Carpooling


Joshua Tree Park | © Mirko Lux
Joshua Tree Park | © Mirko Lux

Der Schriftsteller Tobias Hülswitt war von Oktober bis Dezember 2007 in der Villa Aurora. Was später aus dem Mazda wurde, weiß Tobias nicht recht. Steht er noch auf dem Parkplatz der Villa? Eine Kupplung hatte er! Manche Dinge sind einfach schwer durchzusteigen.

von Tobias Hülswitt

Ich kann mir nicht mehr erinnern, wie der blaue Mazda zu mir kam. Oder ich zu ihm. Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wie und wo er den Geist aufgab, obwohl es in meiner Periode geschehen sein muss. Hat er seinen Geist wirklich aufgegeben? Oder habe ich ihn stattdessen an jemanden weitergegeben, an Gerhard Friedl oder an Laura Horelli? Falls er unter mir seinen Geist aufgab, so weiß ich nicht mehr, was ich mit leblosen Karosse tat. Blieb sie einfach auf dem im Eukalpyptusduft der Bäume getränkten Parkplatz aus hellem Asphalt oder Beton – diesem beige-weißen, kalifornischen Beton oder Zement, den man an Orten wie diesem Parkplatz findet – blieb er einfach auf diesem Parkplatz stehen? Wenn ja, wer räumte ihn irgendwann weg? Oder steht er noch immer da?

Ich weiß nicht mehr, wie er von innen aussah. Alles, woran ich mich erinnere, sind zwei Dinge: Erstens, er hatte Kupplung und Schaltknüppel. Es fühlte sich absurd an, in Los Angeles einen Wagen mit Kupplung zu fahren. Man kann Freeways nicht mit Kupplung fahren, das ergibt keinen Sinn. Auf dem Freeway fließt man wie ein Blutkörperchen im Strom. Das wird besonders deutlich, wenn man nachts aus Altadena oder ähnlich entfernten Stadtteilen zurück ans Meer fährt. Auf den lang gezogenen Kurven der endlosen Freeways strömen die Wagen in fast gleicher Geschwindigkeit dahin, für halbe, dreiviertel, ganze Stunden schweben die roten Rücklichter der anderen in immer gleichem Abstand vor dir in der Dunkelheit, während links und rechts die dunklen Hügel vorüber ziehen.

Ich will das Autofahren nicht verherrlichen, es ist ein dekadenter Vorgang, den uns Kapitalisten beigebracht haben, die uns Maschinen und Öl verkaufen. Aber diese Momente nachts auf dem Freeway sind dennoch von spiritueller Kraft. Allerdings nur dann, wenn man Automatik fährt. Ein Kuppelwagen kann nicht strömen. Selbst, wenn man ewig im vierten oder fünften Gang fährt – es ist nicht dasselbe! In jedem Moment ist zu spüren, dass dieses Auto sich nicht selbst schaltet – It doesn’t shift itself! –, und deshalb kann man es nicht vergessen, dieses Auto, während man fährt, und nicht Teil des Stroms werden. Wie es ist, Teil des Stroms zu werden, erfuhr ich erst, als ich nach dem Mazda einen schönen weißen Automatikwagen fuhr.

Und das zweite, woran ich mich erinnere, ist ein ziemlich brenzliger Moment: Ich hatte bis dahin nie den Carpool bemerkt. Bis wir sonntags auf dem Weg nach Downtown in einem völlig aussichtslosen Stau feststeckten. Wir hatten uns zu fünft in den blauen Mazda gequetscht, Laura Horelli, Gerd Friedl, Anne Phillips-Krug, noch jemand und ich. Ich saß am Steuer. Da fiel mir auf, dass auf einer fast leeren Spur links von uns, auf der in weißen Buchstaben Carpool stand, immer wieder Wagen triumphierend mit 70, 80 Meilen an uns vorbeirauschten. „Was ist das denn?“, fragte ich. „Wieso dürfen die das?“
Anne lachte wahrscheinlich und sagte etwas wie „Carpool, Mensch, kennste nicht?“

Kannte ich nicht. Und wurde aufgeklärt, ein Car Pool ist ein Auto, in dem mehr als ein Mensch sitzt. Weil das umweltfreundlich ist und man es den Amerikanern offenbar schmackhaft machen will, ihre Autos nicht immer alleine zu nutzen, bekommen Autos, in denen mehr als ein Mensch sitzt, eine Spur für sich. Und wir waren zu fünft! „Na dann!“, rief ich, riss das Lenkrad herum, brach aus der Spur aus und steuerte über die doppelte durchgezogene Linie hinüber auf den Car Pool. Da sah ich im Rückspiegel einen gigantischen Truck auf uns zudonnern mit bärenartigem, ja, Gesicht, muss man wohl sagen. Motorhaube und Kühlergitter, das klingt zu technisch, es ist ein Gesicht, ein Tiergesicht. Der Truck hupte, hupte ohrenbetäubend. Ich lenkte uns so nah wie möglich an die Autos rechts von uns, und dann – ich weiß es noch genau! – brachte ich den Wagen so nah wie möglich an den im Stau steckenden Autos zum Stehen, duckte mich auf dem Fahrersitz, zog den Kopf zwischen die Schulter, und kniff die Augen zusammen.

Noch einmal: Ich duckte mich, als ob ich den Wagen und uns alle darin damit kleiner machen könnte, fuhr an die Seite und blieb stehen!

Der Truck röhrte mit etwa ca. 2 cm weitem Abstand an uns vorbei. Immer noch in einem lang gezogenen Ton hupend. Der anschwoll und verschwand. Ich bin nicht sicher, ob den anderen bewusst gewesen ist, welcher Gefahr wir gerade entgangen waren. Jedenfalls sagte niemand etwas, keiner rügte mich. Vielleicht wurde sogar gelacht. In der alles hinweg waschenden kalifornischen Sonne wurde es mir selbst in dem Moment nicht klar. Das kam erst viel später.

Später dachte ich, der Tod hatte da bereits kurz sein Gesicht gezeigt. Und habe gesagt: Dieses Mal noch nicht, ich wollte nur, dass ihr schon einmal gewarnt seid.

Ich weiß noch, dass wir nach Downtown fuhren, um einen evangelikalen Gottesdienst zu besichtigen. Während dem mir von der schieren Menge religiöser Psychoten schlecht wurde. Ich ging hinaus. Gerhard Friedl, der bemerkt hatte, dass ich blass im Gesicht war, kam mir nach gelaufen und fragte, ob alles in Ordnung sei. Diese Erinnerung freut mich bis heute. Diese Aufmerksamkeit, sie wärmt einem das Herz.

Ich weiß nicht, hätte es ihm geholfen, wenn er mehr solcher Einfühlsamkeit von uns erfahren hätte? Diese Dinge sind schwer zu durchzusteigen.

Tobias HülswittTobias Hülswitt, geb. 1973 in Hannover, Schriftsteller, Okt.-Dez. 2007 in der Villa