Blue Mazda | Natasha Sadr Haghighian | Car Parts and Recreation

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Sunset on Highway 10 | © Mirko Lux
Sunset on Highway 10 | © Mirko Lux

Natasha Sadr Haghighian war im letzten Quartal 2004 Stipendiatin der Villa Aurora und Eigentümerin des blauen Mazdas. Ein Beitrag über Autos, die ein Teil von dir werden, und den Wert guter Radioprogramme.

von Natasha Sadr Haghighian

Ich habe anscheinend ein wirklich schlechtes Gedächtnis, denn ich konnte mich an keine dramatischeren Werkstattbesuche oder Pannen mit dem blauen Mazda erinnern. Ich bin dann allerdings in alten Emails fündig geworden. Ein kreischendes Geräusch, das manchmal beim Fahren auftrat wurde von jemandem mit einem Riemen in der Lenkung in Verbindung gebracht. Die Person wies mich darauf hin, dass wenn der Riemen reißen würde, ich keine Kontrolle mehr über das Lenkrad haben würde. Wer den kurvenreichen steilen Paseo Miraramar kennt, der sich von den Pacilifc Palisades bis zum Sunset Boulevard hinunterschlängelt, kann sich den Horror vorstellen, den diese Nachricht bei mir auslöste. Es stellte sich jedoch schnell raus, dass das Geräusch mit der Wasserpumpe zusammenhing, nicht mit der Lenkung.

Ich hatte das Auto zusammen mit Judith Hopf von Antje Strubel für die Zeit unseres Aufenthalts an der Villa Aurora gemietet. Das war tatsächlich großartig, da wir es nur versichern mussten aber ansonsten keinen Papierkram zu erledigen hatten. Ich brauchte trotzdem ein paar Tage bis ich mich damit auf LAs Highways traute. Als wir dann das erste Mal im Stau standen, hatten wir viel Zeit uns miteinander anzufreunden. Der blaue Mazda wurde schnell ein Teil von mir, so wie Autos eben irgendwie Teil von einem werden in Los Angeles. Man verbringt so erstaunlich viel Zeit im Auto, dass man Routinen und Rituale etabliert, die für mich als eingefleischte Fahrradfahrerin merkwürdigerweise sehr wertvoll wurden. Eines dieser Rituale begann mit der Entdeckung des Community Radios KPFA. Nachdem ich es einmal eingeschaltet hatte, hörte ich es permanent während der langen Autofahrten. Ausführliche kritische Berichte über die anstehenden Wahlen und danach über die vielen Unregelmäßigkeiten im Wahlablauf wurden schnell unverzichtbare Nachrichten- und Reflektionsquelle. Aber auch die Entdeckung der Vorträge des Philosophen Alan Watts passierte auf diesen Fahrten. KPFA spielte regelmäßig seine Vorträge aus dem Berkeley der 50iger bis 70iger Jahren in voller Länge und die hippieske Mischung von Zen, Chinesischer und Indischer Philosophie, Kapitalismuskritik, Religionswissenschaft und seinem wirklich einzigartigen Lachen ist für mich bis heute untrennbar mit Stau auf dem Freeway verbunden.

Ich erinnere auch die nächtlichen Heimfahrten über die endlosen Kurven des Sunset Boulevards in denen Ideen, Erlebtes, Gespräche im Kopf sortiert wurden. Während man oft in einer Art Auto Pilot Modus und nicht immer ganz nüchtern dem vertraut gewordenen Straßenverlauf folgte, war der Kopf frei um die Gedanken schweifen zu lassen. So vieles was man erlebte war schwer zu fassen. Ich hatte gedacht, dass ich Los Angeles hassen würde aber von Anfang an traf ich in dieser Stadt wirklich erstaunliche, bemerkenswerte und besondere Menschen die schnell zu Freunden wurden. Sassan der bei der Nasa arbeitete, Antonio aus Passadena der zu Passolini’s Petrolio forschte, Lars, der die Bühnenbilder für Barbie entwarf, Randy der Prominente verklagte um die Canyons vor ihnen zu retten, die Exildeutschen die zu Veranstaltungen der Villa Aurora kamen, die bezaubernde Vaginal Davis deren Clubnächte in einer Bar in Hollywood mich mit pornografischen Filmen der Stummfilmzeit vertraut machten. Meistens kam ich von einer dieser Begegnungen wenn mich der blaue Mazda nachts ganz zuverlässig und fast von allein nach Hause brachte.

Natascha Sadr Hahighian, geb. 1967 in Teheran (Iran), Bildende Künstlerin, von Okt.-Dez. 2004 in der Villa