Blue Mazda | Christine Lang | My Mazda Star

My Mazda Star


© Christine Lang
© Christine Lang

Christine Lang war von Januar bis März 2007 in der Villa Aurora und hat erst drei Tage vor ihrer Anreise einen Führerschein bekommen. Der blaue Mazda war ihr erstes Auto.

Alle rieten mir ab: drei Monate ohne Auto in L.A.!? Schnellschnell, drei Tage vor Abreise hatte ich den Führerschein. Als ich dann vor dem ersten Auto meines Lebens stand, wusste es noch nicht, was es erwartet: einen anti-auto-ritären Führungsstil, also dass es eher mich führen müsste als ich es.

Und ich hatte sofort schlechtes Gewissen, diesem Auto gegenüber. Ich wusste ja, dass ich alles falsch machen würde.
Eine erste Testfahrt, kühn den Paseo Miramar hoch, und sofort habe ich mich und ihn in einer Sackgasse festgefahren, beim sinnlosen Wendeversuch verkeilt hinter einem parkenden Auto.

Ausgestiegen, nachgedacht, geraucht, berechnet. Aufgeben? Ich entschied, den Mazda nicht zu verlassen.

So entstand sie, meine Bindung; die gleiche Objektophilie wie sie das Verhältnis zu den Fahrrädern meiner Kindheit bestimmte. Fahrräder waren Pferde, mit denen man reden kann. Und vom Mustang zum Mazda ist es ja nicht weit.

In den nächsten Tagen dauernde Angst an den Ampeln in Hollywood den Berg rückwärts wieder runterzurollen. Auf dem Weg zu Cal Arts, zu einem James Benning Seminar, kilometerweit leicht bergab wurde der Mazda immer schneller… wie mache ich das: ich kann doch nicht dauernd bremsen!? So explodieren wir doch? Ah, der vierte Gang, Motorbremse. Der Mazda, meine wahre Fahrschule.
Er hatte eine tolle neue Lichtmaschine, wie es hieß –¬ ¬vielleicht strahlte er für mich deswegen wie ein Stern auf dem Hollywood Boulevard. Nur sah ich trotzdem nichts, die Scheibenwischer funktionierten nicht. Am ersten Abend quer durch die Stadt auf dem Weg zum Kino, strömender Regen. Regen, auf der Scheibe so dicht wie in der berühmten Einstellung auf Perry Smith in „Cold Blood“. Im Kopf die Stimme des Fahrlehrers: Pass auf die Bälle der Kinder auf und auf hinter parkenden Autos hervorkommende Omas! Aber der Mazda sagte mir, in L.A. gibt es hinter den Autos keine Kinder und schon gar keine Alten. Dann meine erste Tankstelle, meine ersten neuen Scheibenwischer, die erste Werkstatt. Ich mochte es, das Leben und die Stadt auch auf diesem Wege kennenzulernen: Alltagsautobürokratie, sich anstellen, Auto anmelden, sich anstellen, eine Versicherung abschließen.

Ich habe ihn ausgeführt, meinen Mazda-Star. Wir, getarnt als europäische Studentinnen, mit Musik aus dem Radio 103,1 waren überall – und wir wurden immer freundlich angelächelt. Sei es in Long Beach, Compton, am Watts Tower, am Hafen oder am El Matador State Beach nördlich von Malibu. Von Pacific Palisades fuhren wir lieber über den Sunset Boulevard als über den Highway, nachts zu den Zeltstädten in Downtown, zum Diner in West Hollywood. In Gedanken fahre ich manchmal noch mit ihm dort herum; inzwischen ein Geisterauto in meinen Erinnerungen, aber ähnlich real wie die einmal geschaffenen, dann für immer existierenden Rollengeisterfiguren in David Lynchs „Mulholland Drive“. Die Stadt jedenfalls hat sich mir durch ihn für immer eingeschrieben.

Christine LangChristine Lang, Filmemacherin, Stipendiatin Januar bis März 2007