Blue Mazda | Antje Rávic Strubel | Totenklage

Totenklage


Blick auf Downtown LA | © Mirko Lux
Blick auf Downtown LA | © Mirko Lux
Antje Rávic Strubel war im zweiten Quartal 2004 Stipendiatin der Villa Aurora und stolze Besitzerin des eigensinnigen blauen Mazdas. Hier erzählt sie, wie das konstant quietschende Automobil sie mitten auf dem Pacific Coast Highway stranden landen ließ.
von Antje Rávic Strubel

Ich hatte einen blauen Mazda am Fuße der Topanga Berge in L.A. Hundert Meilen schaffte er nicht. Ich war froh, wenn die Tachonadel auf fünfundsechzig, siebzig drehte, aber es war ein Auto. „Ohne bist du aufgeschmissen in dieser Stadt.“ Das war immer das erste, was alle, die schon dort gewesen waren, sagten.

Der Mazda quietschte. Er wimmerte von Anfang an, eine jämmerlich leiernde Totenklage, ob ich schnell fuhr oder nicht. An den Ampeln schauten mich die anderen Fahrer komisch an oder machten Zeichen, als wäre ich taub, und ich tat dann auch so, als hörte ich das Quietschen nicht. Dabei war es lauter als der Motor, unmöglich, sich während der Fahrt zu unterhalten.

Einmal lief der Motor heiß. Beim quietschenden Überqueren einer Bergkette Richtung Wüste musste ich anhalten, die Motorhaube öffnen und eine halbe Stunde warten, bis der Qualm weg war, obwohl ich schon die Heizung aufgedreht hatte, wie früher im Osten, wenn meine Eltern mit dem alten Skoda MB 1000 ins Gebirge in Urlaub gefahren waren. Aber am Motor lag es nicht. Der Motor funktionierte, auch wenn ich in der Wüste Angst bekam. Während ich auf einen Horizont zuschoss, der immer weiter vor mir zurückwich, stellte ich mir vor, auf diesem schnurgerade auf eine Fata Morgana zulaufenden Highway liegen zu bleiben, staubumweht, verschwitzt und durstig, stundenlang wartend, bis irgendwann gegen Abend endlich ein einzelnes Auto vorbeikäme, das entweder nicht hielt oder einen Kriminellen beförderte, dem ich hilflos ausgeliefert wäre.

Ich kehrte lebend aus der Wüste zurück, nach wie vor quietschend. Kurz vor L.A. fiel mir eine große, glänzende Werkstatt auf. In L.A. hatte ich nur düstere, schrottige, von Schichten alten Öls durchtränkte Autoreparaturen gesehen. In deutlich einsturzgefährdeten Garagen bastelten Männer mit grauen, rußverschmierten Gesichtern an uralten Wagen herum. Diese Werkstatt war anders. Die Mechaniker trugen saubere orangefarbene Anzüge, orangefarbene Basecaps, sogar die Griffe ihrer Schraubenschlüssel und die Hebebühnen waren orange. Das fachmännische Nicken, selbstsichere, prüfende Blicke riefen die Effizienz deutscher Firmenwerkstätten wach, wo mit weißen Handschuhen gearbeitet wird, im Duft von Cappuccino und neuen Reifen. Sie konnten die Reparatur sofort machen. Ich ging Kaffee trinken in einem McDonalds, andere Lokale gab es an dieser zerschlissenen Straßenkreuzung nicht.

Die Bremsen waren es gewesen!, versicherte man mir lässig, als ich den Schlüssel holte. Sämtliche Bremsklötze waren ausgetauscht, Kostenpunkt: 700 Dollar. Aber ich konnte meinem Mazda wieder trauen. Erst, als ich losfuhr, hörte ich es quietschen. Leiernd, laut, jämmerlich. Ich ging zurück in die Werkstatt. Die gleiche Lässigkeit, nur diesmal schärfer im Ton. Sie hätten den Schaden behoben, das Auto könne also nicht mehr quietschen. Mehr gäbe es nicht zu reparieren, vielleicht sollte ich mal im Kofferraum nachsehen, da lägen wahrscheinlich lose Teile.

„Was denn für lose Teile?“

Liegen blieb ich schließlich auf dem Pacific Coast Highway, auf der Überholspur, am Fuße der Topanga Berge. Ich hatte ein Tanktop und Radlerhosen an. Ich sollte an diesem Tag meinen Aufenthalt in L.A. unterbrechen und für eine Lesereise nach Deutschland zurückfliegen, mein Flieger ging am späten Nachmittag. Aber vorher hatte ich noch einmal die frische Salzluft des Pazifiks durch mich hindurch strömen lassen wollen. Ich war an der Zumaklippe joggen gewesen. Ich hatte Falken gesehen, Delphine sehr nah vor der Küste. Auf einmal erloschen die Lichter. Der Motor ging aus. Das Quietschen auch. Ruhe. Eine Möwe schrie im offenen Fenster. Der blaue Mazda trudelte langsam, in großer Stille aus. Wäre da nicht das Gehupe gewesen, hätte ich stundenlang so trudeln können, rechts das Meer. Das Lenkrad funktionierte noch. Ich manövrierte mich auf die rechte Fahrspur. Blinken fiel aus, und mein Arm war zu kurz, um ihn aus dem Beifahrerfenster zu halten. Aber intuitiv hatten die Nachkommenden die Lage erfasst. Vielleicht rechnete man hier, wo selbst ein Wrack noch eine Zulassung hatte (dank der ölgetränkten Autobastler, siehe oben), jederzeit mit Liegenbleibern. Unbehelligt kam ich auf den Seitenstreifen; kurz hinter Malibu, vor einem fröhlichen Fischrestaurant. Ich hatte nichts dabei, keine Triple AAA Card, kein Telefon, kein Geld. Ich war ja joggen gewesen. Ich hatte nicht mal meinen Führerschein (ich misstraute der Verriegelung).

In zwei Stunden musste ich einchecken.

Nicht weit von mir parkte ein schwarzer SUV, getönte Scheiben, Mercedes-Stern. Ich lief darauf zu, ohne zu wissen, was ich machen sollte, mir Geld leihen, ein Handy? Ich hatte keine einzige Nummer im Kopf. Zwei hochgestöckelte Amerikanerinnen und ein älterer Mann im Anzug wollten gerade einsteigen. Sie waren zum Lunch im Fischrestaurant gewesen. Das letzte Mal, als ich sie gesehen hatte, war auf einem Abendempfang der Villa Aurora gewesen. Eine von ihnen war eine dermaßen angesagte Künstlerin, dass sie ihren Kopf vor Erhabenheit nicht hatte bewegen können. Sie erkannten mich nicht. Auf dem Empfang hatte ich aber auch kein orangefarbenes Piratentuch als Stirnband um den Kopf getragen, und halb nackt war ich auch nicht gewesen.

Es mußte an der tiefen kalifornischen Einsicht liegen, dass sich jederzeit alles verändern kann; sie glaubten mir. Weshalb ich in verschwitzten Radlerhosen auf teurem Nappaleder saß und pünktlich zur Lesereise kam.

P.S. Norbert Kron hatte mir beim Verkauf des Mazdas angeboten – freundlich und einem vagen Schuldgefühl geschuldet – , sich zu beteiligen, sollte eine größere Reparatur nötig werden. Georg Nußbaumer half mir aus der akuten Patsche, indem er den Abschleppdienst in eine ölgetränkte Werkstatt organisierte. Wie sich herausstellen sollte, lag es an der Lichtmaschine. Wie sich später herausstellen sollte, war das nicht die letzte Reparatur.

Antje Ravic Strubel, geb. 1974 in Potsdam, Schriftstellerin, von April-Juni 2004 in der Villa Aurora
 © Zaia Alexander
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